Jungfermia

Die Jungfer Mia war nicht richtig im Kopf. Darum auch wollte niemand sie heiraten und so blieb sie auf dem Hof, die spinnerte Jungfer, geduldet ihr Lebtag.

Von Arbeit und Alter gebeugt, verließ sie ihr Zimmer nur noch zu den Mahlzeiten oder wenn der Krämer auf den Hof kam, bei dem sie von ihrer schmalen Rente ein paar Köstlichkeiten kaufte. Glücklich stapfte sie mit Schokolade, Keksen und feinem Schmelzkäse zu ihrem Zimmer hinauf, um ihre Schätze in der obersten Schublade ihrer Kommode zu verstecken.

Aber kaum dass sie mittags am Küchentisch Platz genommen hatte, war ihre Schublade ausgeräumt. Schokolade, Geld, nichts war vor den Kindern sicher. Heißhungrig verschlangen sie die Süßigkeiten, Mias Geld stopften sie in ihre Taschen, die Münzen ebenso wie die Scheine. Wenn Mia sich beklagte, bestohlen worden zu sein, erntete sie nur ein mildes, verzeihendes Lächeln, „Ja ja, Mia, das wird schon wieder.“ Man glaubte ihr nicht, egal, worum es ging, sie war nun einmal nicht richtig im Kopf. Schließlich behalf sie sich damit, ihre Schätze in ihrer Handtasche herumzutragen. Die Tasche hielt sie während des Essens auf dem Schoss umklammert, Schokolade und Käse verschmolzen darin zu einem ungenießbaren Brei. Man redete auf sie ein. „Mia“, sagten sie, „was soll denn das, ist doch schade um die guten Sachen. Wenn du nun die Handtasche verlierst, ist alles fort, auch dein Geld.“

Mia hatte längst aufgegeben, ihre Beweggründe mitzuteilen. Sie schwieg, dabei ihre Handtasche fest im Griff.