Prolog

Gestern Nachmittag kam es auf der Autobahn kurz vor Berlin zu einem tragischen Unfall, ein Porsche raste mit überhöhter Geschwindigkeit in einen Brückenpfeiler. Beide Fahrzeuginsassen, der Entwicklungsingenieur Herbert M. (37), und sein Assistent Richard W. (26), aus Biederstadt waren sofort tot. Herbert M. hinterlässt eine Frau und zwei Kinder. 

Laut Augenzeugenberichten  drängte der Fahrer einer dunklen Limousine den Porsche von der Fahrbahn ab. Das Kennzeichen der Limousine konnte nicht ermittelt werden. Die Polizei bittet die Bevölkerung um ihre Mithilfe. Gesucht wird eine schwarze Limousine mit getönten Scheiben. Das Fahrzeug weist vermutlich Unfallschäden auf, Mitarbeiter von Autowerkstätten werden um erhöhte Aufmerksamkeit gebeten.

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Ich bin Journalist beim Biederstädter Tageblatt und Redakteur für den Lokalteil. Wenn nicht ein Wunder geschähe, würde es dabei  bleiben, wie ich bis vor ein paar Wochen glaubte, denn in Biederstädt ereignet sich niemals etwas, das auch nur eine Notiz verdiente. Die Eröffnung eines Kindergartens, Bürgermeister Meiers Geburtstag, belangloses Zeugs, kein Stoff für ein Biedergate.

Bis Medlich in seinem Porsche verunglückte. Sein Tod war ein Fall für den Kleinstädter Lokalteil, denn er war Leiter der Forschungsabteilung in der Rüstungsfabrik, dem größten Arbeitgeber unserer Stadt. Abgedrängt von einer schwarzen Limousine, Autobahn Richtung Berlin, Medlich hatte offenbar seine Schattenseiten, war gewiss in dunkle Geschäfte, wahrscheinlich Waffengeschäfte verwickelt gewesen und nun hatte die Mafia mit ihm abgerechnet. Der Unfall war ein Wink des Schicksals, eine Aufforderung an mich, die Chance zu nutzen und meiner Mittelmäßigkeit zu entkommen. 

Gelänge es mir, Medlichs kriminelle Geschäfte aufzudecken, gäbe das einen schönen Skandal. Und ich, der kleine Journalist Lehmann, wäre in aller Munde. 

Müller, mein Chefredakteur, zeigte sich von meine Idee sehr beeindruckt. „Machen Sie was draus, Lehmann, recherchieren Sie, wer  Medlich wirklich war. Von Ihren anderen Aufgaben sind Sie einstweilen freigestellt“, sagte er, „um den Lokalteil kümmert sich die Praktikantin.“

Es konnte also losgehen. Ich war kaum noch zuhause, auch nicht mehr in der Redaktion, freigestellt für den ganz großen Wurf. Das hatte Konsequenzen für mein Privatleben, insbesondere für meine Frau Gisela. „Hab sehr viel zu tun, Gisela, treffe heute Abend noch einen Informanten, under cover, verstehst, komme spät.“ Gisela erwies sich als sehr verständig. „Ist klar, dass du nur vorankommst.“ 

Ich kam voran. Eifrig notierte ich alles, das ich über Medlich in Erfahrung brachte und kam meinem Ziel von Tag zu Tag näher. Einmal in der Woche traf ich Müller, Besprechung in der Sache, nur er und ich. „Die anderen, Lehmann,“ hat er gesagt, „die anderen müssen wir raushalten, das ist eine Sache zwischen Ihnen und mir allein.“ 

Ist doch klar, dachte ich, wenn einer meiner Kollegen etwa so dumm wäre und alles ausplauderte, könnte ich meine Story vergessen. Auch begriff ich sofort, warum wir sie nicht häppchenweise, also nach Erkenntnisstand, veröffentlichten. Dann kämen bloß die Geier von den überregionalen Blättern, würden horrende Bestechungsgelder an die Fabrikarbeiter zahlen, natürlich alles von denen gesteckt bekommen und wir wären raus. 

Aber mit uns machten sie das nicht. Müller bestand darauf, dass ich genau recherchierte, bis alles klar vor mir läge und wir dann die Enthüllungsstory brächten. „Wenn Sie soweit sind, Lehmann, dann ist unser Tag. Aber lassen Sie sich nicht hetzen, die Sache läuft uns schließlich nicht davon.“ 

Doch dann, drei Wochen nach Beginn meiner Recherche, rief er mich zu sich und machte ein besorgtes Gesicht. „Lehmann,“ sagte er,  „Sie müssen sofort von hier verschwinden. Nehmen Sie Ihre Unterlagen und schreiben Sie auf, was Sie bis jetzt in Erfahrung gebracht haben. Sie fliegen noch heute Abend. Und eins noch, Lehmann, kein Wort zu irgendjemandem, auch nicht zu Ihrer Frau, ist das klar, Lehmann?“ „Selbstverständlich ist das klar, ich fliege noch heute,“ stammelte ich.

Ich fuhr sofort nach Hause, packte hastig ein paar Sachen  und schrieb Gisela eine kurze Nachricht. „Musste dringend von hier verschwinden, bin auf unbestimmte Zeit im Ausland, wegen Medlich, Du weißt schon. Packe auch Du Deine Sachen und fahre zu Deiner Mutter. Und eins noch, zu niemandem ein Wort, ist das klar?“ 

Erst, als im Flugzeug saß, als ich mich und meine Unterlagen in Sicherheit wusste, konnte ich wieder einen klaren Gedanken fassen. Okay, sie waren mir auf der Spur gewesen und ich war ihnen entwischt. Wer sie waren, wusste ich genau, Medlichs Mörder natürlich. Logisch, dass die mich abknallen wollten, ich wusste zuviel. Wenn sie mich am Leben ließen, wären die so gut wie tot, jedenfalls aber für den Rest ihres Lebens hinter Gittern. Aber ich hatte ja Müller, mein Gott, wenn der nicht wäre, dachte ich.

Der Flug verlief ruhig und ich gönnte mir mit meinen Unterlagen hinter meinem Rücken ein Nickerchen. Nach der Landung stieg ich als letzter aus, kleine Vorsichtsmaßnahme. Auf dem Flughafen war ein unglaubliches Gedrängel und Geschubse. Vor allem am Ausgang, wo eine Menge Leute die Ankunft der Fluggäste erwarteten. 

Überwiegend Spanier, wie ich sofort erkannte, also keine Gefahr für mich. Sie hielten Schilder in die Höhe, auf denen vereinzelt auch deutsche Namen zu lesen waren. „Lehmann, Germany,“ las ich und überlegte fieberhaft. Lehmann, Germany, das war doch ich. 

Es kam alles darauf an, Ruhe zu bewahren und keine Angst zu zeigen. Nur ein Stümper zeigt Angst. Außerdem, vielleicht hatte Müller mir ein Taxi vorbestellt, der war schließlich immer auf Zack. Vorsichtig bewegte ich mich in Richtig des Mannes mit dem Lehmannschild.  „Ich bin Lehmann, was gibt es?“ Der Schildmann lächelte freundlich und erklärte mir, dass er Anweisung habe, auf eine Frau Lehmann aus Deutschland zu warten. 

Alles klar, dachte ich, der will nichts von dir. Und auch nicht von Gisela, die war doch längstens bei ihrer Mutter, Gisela konnte er unmöglich meinen. Ich bestieg ein Taxi und reichte dem Fahrer den Zettel mit der Adresse des Ferienhauses. Mir schien, als runzelte der während des Lesens die Stirn. Aber nach einem kurzen Zögern verstaute er meine Koffer und wir fuhren los. Nach einer kurzen Autobahnetappe befuhren wir eine schmale Landstraße. Kurvenreich ging es Richtung Küste, links und rechts der Straße zerklüftetes Gebirge, durchzogen von tiefen Schluchten. Das Gebirge war nur karg begrünt, kein Baum, kein Strauch und vor allem, kein Haus, kein Mensch, Lavafelder, soweit mein Auge reichte. Das Ende der Welt. 

Die Straße mündete in einem kleinen Wendekreis direkt am Ufer. Vor mir die Küste, links und rechts ein paar Häuser, die sich glichen wie ein Ei dem anderen. Der Fahrer schien es plötzlich sehr eilig zu haben. Er bremste scharf, kassierte, öffnete den Kofferraum, warf meinen Koffer auf die Straße und ehe ich mich versah, fuhr er davon. Okay, dachte ich, alles klar, wenigstens bin ich in Sicherheit. Ich sah mich um. Nahe des Ufers stand ein kleiner Holzschuppen, dessen Fenster und Türen mit Holzläden verschlossen waren. Davor ein Holztisch, Plastikstühle und ein Sonnenschirm mit der Aufschrift „Dorada“ , offenbar eine Verkaufsbude. Eine Telefonzelle stand rechts des Wendekreises, der Hörer schaukelte im Wind und schlug mit metallenem Geräusch an die Kabine schlug. Straßenlaternen umsäumten das Rund, aus den leeren Lampenkästen ragten Kabel.

insel 02

Sonst niemand, nichts, kein Mensch, kein parkendes Auto, in der Ferne die Staubwolke des sich rasch entfernenden Taxis. Zunächst suchte ich meine Unterkunft, das zweite Haus rechts am Ufer, wie Müller mir gesagt hatte. Ich fand die Tür unverschlossen. Flur, Schlafzimmer, Wohnzimmer und eine kleine Küche, das Übliche. Die Möblierung der Wohnung war ungewöhnlich bescheiden, im Wohnzimmer nur ein Tisch mit einem Stuhl. Die Kühlschranktür war geöffnet, beißender Gestank schlug mir entgegen. In den Kühlfächern verfaulte Lebensmittel, auf denen sich Maden tummelten und große, grüne Schaben. 

In Sicherheit, ja, okay. Aber ich war allein in diesem verkommenen Haus in einer gottverlassenen Siedlung, um mich herum nur ekelerregendes Ungeziefer. Die Mappe mit meinem Manuskript und einen Haufen Stifte und Papier hatte ich eingepackt, nicht aber Handy und Lebensmittel. Klar kein Handy, ich kannte meine Feinde, Ortung und so weiter. Und Lebensmittel, na ja, in einer Feriensiedlung, hatte ich gedacht, gäbe es doch etwas. Aber nicht in dieser, hier gab es überhaupt nichts. Wenn ich wenigsten einen Rotwein mitgenommen hätte.

Das Motorengeräusch eines herannahenden Fahrzeuges unterbrach meine dunklen Gedanken. Das Auto, ein zerbeulter, weißer Pickup, hielt vor der Holzbude. Ein Mann stieg aus und entriegelte Tür und Fenster des Schuppens. 

Vorsichtig näherte ich mich dem Eingang, in den der Mann verschwunden war, eine kleinen Verkaufsbude, wie ich jetzt sah. Der Fahrer des Pickup saß hinter dem Verkaufstresen und rauchte. Seit ich seine Bude betreten hatte, sah er mich unverwand an. Sein Blick aus braunen, blutunterlaufenen Augen war dunkel und stechend, auch sprach er nicht. Ich sah mich um, in den Regalen ein paar Konserven, Getränke und sogar ein paar Flaschen Rioja, alles, was ich vorläufig brauchte. Wortlos deutete ich auf die Dinge, die ich mitnehmen wollte, der Mann reichte sie mir mürrisch. Ich wusste nicht, wie oft die Bude geöffnet hätte und kaufte daher mehr, als ich brauchte.

Ich beseitigte den Unrat im Haus und setzte mich mit einer Flasche an den Strand. Okay, ich hatte Verpflegung für ein paar Tage, und in Sicherheit war ich auch, nur verdammt allein. 

Die Siedlung war menschenleer und der Budenmann war inzwischen wieder davongefahren. Noch nie in meinem Leben hatte ich mich einsamer gefühlt als jetzt. 

Nach der zweiten Flasche musste ich mit jemanden sprechen. Bestimmt war Gisela inzwischen bei ihrer Mutter angekommen, sie würde ich anrufen. Ich wankte zur Telefonzelle, nahm den Hörer von der Gabel, steckte Geld in den Apparat und wählte. Ich hörte, dass die Verbindung hergestellt wurde, dann nur noch ein Rauschen, sonst nichts. Ich starrte auf den Zähler, mein Geldvorrat verminderte sich im Sekundentakt, also bestand doch eine Verbindung, weshalb nur ertönte kein Rufzeichen, bloß dieses Rauschen. 

Sicher war ich betrunken und hatte mich verwählt. Meine Geldmünzen waren aufgebraucht, ich würde es am nächsten Tag nach einem Einkauf noch einmal versuchen. In meinem Haus angekommen, fiel ich auf das Bett und schlief sofort ein.

Am nächsten Morgen erwachte ich mit Kopfschmerzen. Eine heiße Dusche, dachte ich, also drehte ich an den Wasserhähnen im Bad. Braune, kalte Brühe rann heraus, die sich nur allmählich aufhellte und schließlich lauwarm war. Ich hatte sehr lange geduscht, dabei war mir eingefallen, dass mein Chef eine Gasflasche erwähnt hatte, deren Inhalt ich kontrollieren sollte, sei sie leer, blieben Wasser und Herd kalt. 

Ich machte mich auf die Suche, fand schließlich eine fast leere Flasche, daneben eine volle Ersatzflasche. Ich musste in Erfahrung bringen, wie ich an eine neue Flasche käme. Vielleicht könnte mir der Budenmann weiterhelfen. Vorsichtig schraubte ich den Gasbehälter aus der Halterung und machte mich damit auf den Weg zu ihm. Er saß regungslos vor seiner Bude, aber als er mich kommen sah, wehrte er heftig ab und bedeutete mir, mich so rasch als möglich zu entfernen.

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Okay, dann würde ich zukünftig eben nur noch kalt duschen, damit ich wenigstens noch längere Zeit Kaffee kochen könnte. Am Mittag saß ich am Strand, auf meinem Schoss das Manuskript und ein Schreibblock. Aber mit dem Schreiben wurde es nichts, meine Gedanken waren auf die Gegenwart gerichtet. 

Der Verhalten des Budenmannes hatte mich nachdenklich gemacht. Gleich nach der Sache mit der Gasflasche hatte er seine Bude hektisch verschlossen und war davongefahren. Als ob er sich vor mir fürchtete. Wenn er nicht wiederkäme, einfach nicht mehr erschiene. Warum sollte er seine Bude überhaupt öffnen, es war doch niemand sonst im Ort. 

Der Abend und ein weiterer Tag vergingen, ohne dass etwas geschah. Am Morgen meines vierten Tages auf der Insel hörte ich das Auto des Budenmannes. In schnellem Tempo brauste er heran, schloss eilig den Laden auf, um sich dann seelenruhig vor dem Schuppen in die Sonne zu setzen. Meine Vorräte gingen zur Neige und ich war erleichtert, ihn zu sehen.

Ich kaufte Vorräte für die nächsten Tage, ließ mir soviel Münzgeld als möglich herausgeben und ging weiter zur Telefonzelle. Der Hörer lag auf der Gabel. Natürlich lag der Hörer auf der Gabel, ich hatte ihn schließlich selbst dort aufgehängt. Aber etwas war mit dem Hörer, als ich ankam, ja, als ich ankam, baumelte er im Wind. Und am Abend, als ich Gisela anrief, lag er auf der Gabel. Ich war also nicht allein in der Siedlung. Aber wo war dieser Andere, in all der Zeit hatte ich keinen Menschen gesehen oder gehört. Bis auf den Budenmann natürlich. Ob der am Tag meiner Ankunft telefoniert hatte? Aber warum hätte er das von der Telefonzelle aus tun sollen? Ich schob den Gedanken beiseite und nahm mir vor, zukünftig äußerst wachsam zu sein.

Ich würde Müller anrufen und erzählen, dass ich heil angekommen war. Um zu überprüfen, ob der Apparat funktionierte, wählte ich die Nummer einer Auskunft in Deutschland. Mit klarer Stimme meldete sich eine junge Dame, die nach meinen Wünschen fragte. Ich legte sofort auf, um mein Kleingeld nicht unnötig zu verbrauchen und wählte Müllers Nummer. Die Verbindung wurde hergestellt, danach wieder das Rauschen, verdammt, nur das Rauschen, wie bei Gisela. Mein Chef und meine Frau, natürlich, sie hatten sich verschworen oder auch verbrüdert, mich abgeschoben. Aber das war ja Blödsinn. Die Einsamkeit bekam mir offenbar nicht, ich sah Gespenster.

Die nächsten Tage vergingen, ohne, dass etwas geschah. Meine Vorräte reichten noch für längere Zeit, nicht aber der Rioja. Am Abend des siebten Tages ging ich mit meinen letzten beiden Flaschen zum Strand, um mich zu betrinken. Als ich die zweite Flasche öffnete und meinen Blick über das Wasser schweifen ließ, erkannte ich am Horizont die Umrisse eines Motorbootes. Ich stand auf, um besser sehen zu können. Das Boot näherte sich rasch dem Ufer, drehte aber im Abstand von ein paar hundert Metern bei und ich sah Männer mit Ferngläsern, die sie auf mich gerichtet hatten. Wenn sie es waren, warum kamen sie nicht näher?

Ich zwang mich zum Nachdenken. Müller steckte mit ihnen unter einer Decke, niemand sonst kannte meinen Aufenthaltsort. Er war in die kriminellen Machenschaften verwickelt, warum sonst hatte er mich in dieses Haus, in diese trostlose Gegend verfrachtet. Jetzt hatten sie ihre Leute geschickt, um mich zu beseitigen. 

Das Telefon klingelte, schrillte in meinen Ohren. Vorsichtig drehte ich den Kopf in Richtung der Telefonzelle. Wieder das Klingeln, kein Zweifel, das Telefon. Die vom Boot riefen an, wollten mich veranlassen, zur Zelle zu laufen, damit sie mich abknallen könnten. Ich legte mich in den Sand und kroch langsam, auf allen Vieren zu meinem Haus. Den Kopf drehte ich zur Seite, sodass ich das Boot sehen konnte, das sich langsam, parallel zu mir voranbewegte. Vor meinem Haus angekommen, begann der kritische Teil meiner Flucht, die Treppenstufen, fünf Treppenstufen. Ich schnellte hoch, lief mit zwei großen Schritten hinauf, dann war es überstanden. 

Im Haus angekommen, verschloss ich die Holzläden an den Fenstern und der Tür. Sie hatten nicht geschossen, ich war noch einmal davongekommen. Ich spähte hinaus, das Boot war fort, aber vielleicht war einer von den Männern an Land gekommen, würde mir auflauern, wenn ich das Haus verließe. Es war nun vollständig dunkel, draußen nichts zu hören, so ängstlich ich auch lauschte. Zitternd kroch ich ins Bett, wo ich bis zum Morgen kauerte. 

Am Morgen des nächsten Tages hörte ich einen Diesel, ich spähte aus dem Fenster, es war ein Linienbus. Der Fahrer hielt einen Augenblick, sah sich sorgfältig um und fuhr davon. Ich konnte doch nicht einfach hinauslaufen, wahrscheinlich warteten sie draußen auf mich. Ich klammerte mich an die Hoffnung, dass der Bus zu einer günstigeren Zeit wiederkommen werde. 

Der Pickup näherte sich. Komisch, heute kamen alle, wie verabredet. Verabredet, so war es, das war es, alles verabredet, der Budenmann, der Busfahrer, alle gehörten sie zu den Männer auf dem Boot. Ich steckte mein Taschenmesser ein und nachdem ich mich vergewissert hatte, dass das Boot fort war, machte mich auf den Weg zur Bude. 

Den Budenmann würde ich täuschen, lächelnd betrat ich den Schuppen. Als wisse er, was ich brauche, legte er mir wortlos alles auf die Theke, das ich hätte einkaufen wollen, genau das, dazu von allem die richtige Menge. Nur nicht die Nerven verlieren, dachte ich, der will dich fertig machen. Ich dachte an mein aufgeklapptes Messer in der Hosentasche, wenn er mich angriffe, würde ich zustechen. 

Bepackt verließ ich den Laden, natürlich rückwärts, so dumm war ich nicht, dem Mann meinen Rücken zuzuwenden. Nur noch der Weg zum Haus. Ich musste meine Augen überall haben, hinter mir der Budenmann, rechts oder links vielleicht einer der Männer vom Boot. Sicher waren sie schon in meinem Haus, ich hatte vergessen, es zu versperren. Vorsichtig öffnete ich die Tür, schlich hinein, aber sie waren nicht dort.

Ich hörte ein Auto langsam naherkommen, vorsichtig spähte ich durch die Lammellen der Fernsterläden, es war ein Polizeijeep. 

Darin saßen zwei Polizisten, bedächtig stiegen sie aus, betrachteten mein Haus, redeten und rauchten. Zwei hochgewachsene, durchtrainierte Typen waren sie, bewaffnet mit Pistole und Schlagstock. Ein Handy klingelte, einer von ihnen telefonierte, dabei heftig gestikulierend, mal in Richtung des Wassers, dann wieder auf mein Haus weisend. Sie gehörten also auch dazu, ich rührte mich nicht. Nach unendlich langen Minuten bestiegen sie ihren Jeep und fuhren davon. 

Ich hörte auch den Budenmann davonfahren. Zeit, einen Kaffee zu kochen. Aber die Gasflamme des Herdes ließ sich nicht entzünden, ich bewegte leicht die angeschlossene Gasflasche, sie war leer. Die zweite Gasflasche nun also auch, ich nahm mir eine Flasche Rioja.

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Das Leben hat mich ausgespuckt bis an das äußerste Ende der Welt, wo ich allein und ohne Hoffnung meinem Ende harre. Im Grunde spielt es keine Rolle, ob ich noch etwas unternehme, aber da ist noch die Kirche oben auf dem Berg, der Rohbau einer großen Kathedrale. 

Wenn ein solches Bauwerk dort steht, dann muss doch hinter dem Berg eine Stadt oder wenigstens ein großes Dorf gelegen sein. Ich werde meinen Rotwein austrinken, den Einbruch der Dunkelheit abwarten und zu der Kirche gehen, wo es vielleicht Rettung für mich gibt.

 

Epilog

Gestern reiste ich aus Deutschland an, um mit unserem Journalisten, Herrn Lehmann, zu sprechen. Ich fand ihn nicht in meinem Haus, auch nicht am Strand. Seine Abwesenheit wollte ich nutzen, seine Unterlagen sicherzustellen, fand sie aber nicht. Immerhin entdeckte ich seine letzten Aufzeichnungen, die ich fieberhaft las. 

Der Lehmann ist uns allen schon seit längerem mächtig auf die Nerven gegangen. Ewig sein Gerede von der ganz großen Story, und das in unserer Kleinstadt. Und dann geschah dieser Unfall, der uns alle tief berührte. Ausgerechnet Medlich. Lehmann sagte, er wolle sich darum kümmern. Damit verbrachte er einige Zeit, zuviel Zeit, wie ich meine. 

Einmal wöchentlich kam er in die Redaktion, um mir vom Fortgang seiner Recherchen zu berichten. Er werde Zeit brauchen, viel mehr Zeit für den Artikel, sagte er. Es ginge nicht mehr nur um den Unfall. Sein, also Lehmanns Tag, sei gekommen, er werde alles aufdecken, berühmt werden, ich solle nur warten. Der Lehmann hatte doch ein Rad ab mit seinen Unterstellungen, der musste weg, bevor er noch größeres Unheil anrichtete. 

Ich höre Lärm auf der Straße, man hat einen Toten gefunden, in der Schlucht zwischen der Siedlung und dem vor Jahrzehnten aufgegebenen Rohbau einer Kirche auf dem gegenüberliegenden Hügel. Es ist Lehmann. Außer seiner Brieftasche hat er nichts bei sich.

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